Teil 2/ „Landèda“
Wir fuhren nach Westen, ganz weit in das Département ‚Finistère“ , bei der Namensgebung, das vermeintliche Ende der damals bekannten Welt. Immer wenn ich an die Bretagne denke, fällt mir diese Küste ein, die für mich der Inbegriff von ‚Bretagne‘ ist. Schon vor vielen Jahren haben wir unsere Ferien dort verbracht und es ist eine gewisse Sehnsucht und auch Wehmut geblieben, weil diese Familienferien, natürlich verklärt durch die milde Patina der Jahre, mit die besten Erinnerungen an die unbeschwerten Tage jener Sommer sind.
Landèda ist ein kleiner Ort kurz vor dem Meer, der viele kleine Ansiedlungen und eine nette Kleinstadt beinhaltet. Die Orte in dieser Gegend liegen weit auseinander und die Landschaft spiegelt eine gewisse Einsamkeit wieder. Hier gibt es Weite und Rückzugsmöglichkeiten. Im September sind die meisten Touristen bereits wieder abgereist, die Strände oft wie leergefegt, nur die vielen Wanderer auf dem ‚Zöllnerweg‘ unterbrachen die Ruhe, die sich über das Land legte.
Ich liebe diese Gegend über alles und werde es nie leid, einfach nur auf das Meer zu schauen und zu beobachten, wie an vielen Abschnitten die Meereswogen gewaltig und ungestüm auf die unzähligen Felsen und Strände knallen.
Mehrmals habe ich schon erwähnt, dass die Bretagne, besonders im ‚wilden‘ Westen, nicht für jedermann geeignet ist. Das Meer ist ruppig und ungestüm, die Gezeiten sehr ausgeprägt mit einem gewaltigen Tidenhub, Sonnenbaden um diese Jahreszeit eher ungewöhnlich und das Wetter nicht verlässlich mild. Diese Mischung übt jedoch eine Faszination auf mich aus, der ich mich nie entziehen kann.
Unser Haus lag in der Nähe eines Abers, das sind Meeresarme, die sich in das Festland eingraben und aussehen wie Fjorde. Die vielen Abers dieser Gegend geben der Küste ihren Namen ‚Côte des Abers‘. Das Ferienhaus lag inmitten von Kürbisfeldern, deren Früchte leuchtend orange in der Sonne reiften und noch während unseres Aufenthaltes geerntet wurden. Das Haus war stabil aus Holz gebaut und komfortabel eingerichtet. Leider konnte man das Wasser vom Haus aus nur erahnen, weil gefühlt ständig Ebbe war und die Flut in dieser Woche dort nur zu sehen war, wenn wir unterwegs waren.


Die beiden Männer sind Jogger und waren schon früh am Morgen auf der Piste, während ich mir den ersten Kaffee genehmigte. Laufen hat den Vorteil, dass man zu Fuß Entdeckungen macht, die den Autofahrern verborgen bleiben.
Eine dieser Entdeckungen waren die ‚Dunes de Sainte-Marguerite‘, die uns alle in Staunen versetzt haben. St. Marguerite ist eine große Halbinsel mit weiten, weißen Stränden und einer umwerfenden Dünenlandschaft. Es ist ein riesiges Naturschutzgebiet mit feinem Sand und vielen Wegen, die man erlaufen kann. Im Sommer werden die Strände von Familien und Sonnenhungrigen belegt, im Spätsommer sind Spaziergänger und Wanderer unterwegs. Gleich am Anfang haben wir uns abends aufgemacht , um den Sonnenuntergang zu sehen. Selbst jetzt noch bin ich überwältigt von dem Eindruck, den dieser hinterlassen hat. Das Auto kann auf ausgewiesenen Parkplätzen abgestellt werden, um zu Fuß die Dünen zu erreichen. Netterweise war gerade Ebbe, die Sonne neigte sich dem Untergang zu und gab uns einen Eindruck, wie das Paradies wohl aussehen mag. Wahrscheinlich war dieser Sonnenuntergang der Grund, dass wir drei auch in den beiden kommenden Jahren unseren Urlaub an dieser Küste verbracht haben.


Fährt man von Landéda in südwestlicher Richtung am Meer entlang, passiert man einige kleinere Ortschaften. All diese Orte sind wenig spektakulär und ziehen keine Touristenscharen an. Das empfinde ich als großen Vorteil in dieser Gegend, denn es gibt tatsächlich noch Dörfer die weitestgehend vom Tourismus verschont werden…Schickimicki gibt es in diesem Landstrich ohnehin nicht. Dafür gelangt man auf den landschaftlich schönsten Abschnitt der ‚Côte des Arbers‘. Zwischen einer hügeligen, grünen Landschaft mit Wiesen und einigen verstreut liegenden Häusern führt die Küstenstraße von den Orten ‚Trèmazan‘ bis ‚Porspoder‘ an einem Küstenabschnitt entlang, der spektakuläre Aussichten auf das Meer und die teils gewaltigen roten Felsen bietet. Die Wellen schlagen mit ungebremster Kraft auf die Felsen und erzeugen eine enorme Dröhnung.
Entlang der Küste verläuft natürlich auch der Zöllnerpfad, der zum wandern einlädt. Das Auto lässt man am besten am Wegesrand in eigens dafür geschaffen Buchten stehen und macht sich zu Fuß auf den weiteren Weg. Man kann den Weg ein kurzes, oder längeres Stück gehen und die Aussicht genießen, oder sich einfach auf einer Anhöhe auf einen Felsen setzen und schauen. Ich weiß nicht, wieviele Stunden wir schon auf so einem Felsen gesessen und einfach nur das Meer beobachtet haben.


